Ein weiteres Konzept im Bereich Gewaltprävention am Arbeitsplatz ist das Aachener Modell. Doch welche Inhalte umfasst dieses Modell?
Das Aachener Modell ist ein Konzept zur Gewaltprävention an Arbeitsplätzen mit Publikumsverkehr. Es wurde vom Polizeipräsidium Aachen in Zusammenarbeit mit der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen entwickelt. Ziel des Modells ist es, Beschäftigte besser vor Bedrohungen, aggressivem Verhalten und Gewalt zu schützen. Es wird vor allem in Bereichen eingesetzt, in denen Mitarbeitende regelmäßig Kontakt mit Bürgern, Kunden oder Klienten haben, zum Beispiel in Verwaltungen, sozialen Einrichtungen, Jobcentern, Beratungsstellen oder anderen öffentlichen Einrichtungen.
Der zentrale Gedanke des Aachener Modells ist, dass Gewalt meist nicht plötzlich entsteht, sondern sich schrittweise entwickelt. Konflikte beginnen häufig mit Unzufriedenheit oder emotionalen Diskussionen und können sich über verschiedene Eskalationsstufen bis hin zu körperlicher Gewalt oder schweren Bedrohungslagen entwickeln. Das Modell hilft Organisationen dabei, solche Situationen frühzeitig zu erkennen, richtig einzuschätzen und angemessen darauf zu reagieren.
Eskalationsstufen des Aachener Modells
Im Aachener Modell werden mehrere Eskalationsstufen unterschieden. Jede Stufe beschreibt eine bestimmte Situation und legt fest, welche Reaktionen sinnvoll sind.
- Stufe 0 – Normale oder kontroverse Gesprächssituation
Beispiel: Unzufriedenheit, lautere Diskussion, emotionales Gespräch. - Stufe 1 – Verbale Aggression oder unangepasstes Sozialverhalten
Beispiel: Beleidigungen, Beschimpfungen, Drohungen oder Sachbeschädigung. - Stufe 2 – Körperliche Gewalt oder Handgreiflichkeiten
Beispiel: Schubsen, Festhalten, Bedrohung, Nötigung oder Durchsetzung eines Platzverweises. - Stufe 3 – Schwere Gefahrenlage mit Waffen oder extremen Bedrohungen
Beispiel: Einsatz von Waffen oder Werkzeugen, Bombendrohung, Amoklauf, Geiselnahme oder Überfall.
Je höher die Eskalationsstufe, desto schwerwiegender ist die Situation und desto stärker müssen die Maßnahmen ausfallen. Während bei niedrigen Stufen oft noch Kommunikation und Deeskalation helfen können, sind bei höheren Stufen häufig Sicherheitsmaßnahmen oder das Einschalten der Polizei erforderlich.
Anwendung des Aachener Modells
Das Aachener Modell wird vor allem genutzt, um Gefährdungssituationen systematisch zu analysieren und Mitarbeitende darauf vorzubereiten. Organisationen können damit beispielsweise:
- typische Konfliktsituationen am Arbeitsplatz erkennen
- Beschäftigte für Eskalationsstufen sensibilisieren
- passende Reaktionsstrategien festlegen
- Schulungen und Trainings für Mitarbeitende entwickeln
- Sicherheitsmaßnahmen planen
Dadurch wird Gewalt nicht nur als Einzelfall betrachtet, sondern als Entwicklung, auf die man vorbereitet sein kann.
Vergleich mit dem TOP-Prinzip
Das Aachener Modell und das TOP-Prinzip verfolgen beide das Ziel, Gewalt und Gefährdungen am Arbeitsplatz zu reduzieren, setzen jedoch an unterschiedlichen Punkten an. Das TOP-Prinzip ist ein allgemeines Arbeitsschutzprinzip. Es legt fest, in welcher Reihenfolge Schutzmaßnahmen umgesetzt werden sollen: zuerst technische Maßnahmen, danach organisatorische und zuletzt personenbezogene Maßnahmen. Es beschreibt also vor allem die Priorisierung von Schutzmaßnahmen.
Das Aachener Modell hingegen ist ein Eskalations- und Analysemodell. Es hilft dabei zu verstehen, wie Konflikte entstehen und sich steigern können. Dadurch können Mitarbeitende Situationen besser einschätzen und angemessen reagieren - auch bei drohender Gewalt.
Beide Konzepte können sich gut ergänzen. Während das TOP-Prinzip zeigt, wie Schutzmaßnahmen strukturiert umgesetzt werden sollten, hilft das Aachener Modell zu verstehen, wann welche Maßnahmen notwendig werden können.
Fazit
Das Aachener Modell bietet eine hilfreiche Struktur, um Konflikte und Gewalt am Arbeitsplatz besser zu verstehen und frühzeitig geeignete Maßnahmen einzuleiten. In Kombination mit anderen Konzepten wie dem TOP-Prinzip kann es dazu beitragen, Arbeitsplätze sicherer zu gestalten und Beschäftigte besser zu schützen.
Trotz aller Präventionsmaßnahmen kann es jedoch Situationen geben, in denen Konflikte eskalieren und es zu einem direkten Angriff kommt. In solchen Notwehrsituationen kann es wichtig sein, nicht nur theoretisch auf Gewalt vorbereitet zu sein, sondern auch praktische Fähigkeiten zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung zu besitzen. Regelmäßiges Training, beispielsweise im Kampfsport oder in Selbstverteidigungssystemen, kann dabei helfen, Gefahren besser einzuschätzen, ruhig zu bleiben und sich im Ernstfall wirksam schützen zu können.
Dabei ist jedoch wichtig zu beachten, dass Selbstverteidigung ihre Grenzen hat. Besonders bei Situationen der Stufe 3 des Aachener Modells, etwa bei Waffen, Bombendrohungen, Amoklagen oder Geiselnahmen, sollten Beschäftigte auf garkeinen Fall versuchen, selbst einzugreifen oder „den Helden zu spielen“. In solchen Fällen steht der eigene Schutz an erster Stelle. Das bedeutet, sich aus der Gefahrenzone zu bringen, andere zu warnen und umgehend Polizei oder Sicherheitskräfte zu verständigen. Die Bewältigung solcher extremen Gefahrenlagen ist Aufgabe speziell ausgebildeter Einsatzkräfte.
